"Hallo Herr Bürgermeister"

Nach etwas mehr als 50 Tagen im Amt wollten wir unseren ehemaligen Vorsitzenden und nun neuen Bürgermeister, Christian Hentschel, fragen, was denn in den ersten Wochen passiert ist. Es war wie immer ein sehr angenehmes Treffen, bei dem wir kein Blatt vor den Mund genommen haben. Schließlich kennen wir uns ja sehr gut aus gemeinsamen Zeitenb bei der BIS!

BIS: „Guten Abend Herr Bürgermeister – oder dürfen wir noch Christian sagen?“
Christian Hentschel (Lacht): Na klar! Wir wollen doch nach so langer gemeinsamer Zeit nicht förmlich werden.

BIS: Gut! 50 Tage sind vorbei.  50 Arbeitstage. Wir wollten mal fragen, was den von unseren gemeinsamen Plänen schon fertig ist.
Christian Hentschel: (lacht nochmal) Naja, fertig ist noch nichts. Das wäre ja auch ein Wunder. Aber Vieles ist angeschoben und Gespräche laufen.

BIS: In Sachen ÖPNV. Was konntest Du schon umsetzen.
Christian Hentschel: Da bin ich dran. Wie ihr schon richtig erwähnt habt, war das ja eines unserer Kernthemen. Und das schon seit Jahren. Ich habe einen Termin mit dem Geschäftsführer der RVS – Herrn Richter – vereinbart. Vorab hatte mich dann schon der Marketingleiter der RVS – Herr Strohschein – besucht und wir haben uns sehr intensiv auseinandergesetzt. Die Ergebnisse waren bisher noch nicht so, dass ich vor Freude in die Luft springen würde. Es muss also nachverhandelt und nach weiteren Lösungen gesucht werden. Wir sind dabei, einen Plan zu entwerfen. Das geht nicht so schnell wie ich es gerne hätte, aber das muss ich akzeptieren.

BIS: Wie genau könnte denn so ein Plan aussehen und welche Probleme gibt es derzeit?
Christian Hentschel:
So blöd sich das auch anhört, aber es fehlen Fahrer und auch teilweise Busse. Ich kann im Moment nur bestätigen, dass nachden Sommerferien die neuen Linien 744 und 743 starten werden. Und zwar genau ab dem 09.08.2020.  Der Landrat Stephan Loge hat mir für das Gespräch mit dem RVS-Geschäftsführer Herr Richter  einen Mitarbeiter zur Seite gestellt,  um dann gemeinsam an einem Plan zu feilen.  Das ist schon mal ein Schritt in die richtige Richtung. Ich will ja auch noch einen Schwenkbus für die Schülerbeförderung in Rotberg einsetzen, da die Kinder im Moment nicht ausreichend Platz haben. Das wird mir im Moment noch aus wirtschaftlichen Gründen verwehrt. Herr Richter hat mir zumindest zugesagt, nochmals zu prüfen, ob nicht doch ein Schwenkbus eingesetzt werden kann.
Aber – und das muss ich jetzt auch mal als positives Zeichen sehen, wir sind dran und das Thema ÖPNV ist ein ständiger „Merkzettel“ auf meinem Schreibtisch.

BIS: Du meinst, vorher war das nicht der Fall?
Christian Hentschel:
Genau! Wir kümmern uns nun darum. Außerdem habe ich auch noch prominente Unterstützung von unserer Familienministerin Frau Giffey erhalten.

BIS: Hast Du mit ihr telefoniert?
Christian Hentschel: Besser noch. Ich habe mich mit ihr beim SPD Neujahrstreffen unterhalten. Genau wie ich ist auch sie der Meinung, dass wir bezüglich der Verlängerung der U7 zusammenarbeiten sollten. Sie hat mir diesbezüglich also ihre Unterstützung zugesagt. Genauso wie der Neuköllner Bezirksbürgermeister Martin Hikel.

BIS: Cool!
Christian Hentschel: Ja, fand‘ ich auch gut. Wird also angeschoben. Wichtig ist aktuell, dass sich alle Bürger*innen an der Fragebogenaktion der RVS beteiligen, die aktuell bis Ende Mai läuft. Ich unterstütze diese Aktion mit Werbung und Aufstellung von Behältnissen in öffentlichen Einrichtungen, in die man seinen ausgefüllten Fragebogen einwerfen kann.

 

BIS: Was hast du denn sonst noch anschieben können?
Christian Hentschel: Vielleicht vorab noch etwas, was mich doch sehr verwundert hat. Ihr wisst ja, dass ich gerne im Team arbeite und das auch fördere. In unserem Rathaus wurde allerdings in der Vergangenheit kein großer Wert auf Teamgeist, Austausch und Kommunikation gelegt. Ganz zu schweigen von dem mangelnden Vertrauen, den Mitarbeiter*innen gegenüber. Ich bin es ja nicht alleine, der etwas bewegt. Wir machen das mit allen zusammen. Demzufolge habe ich vier Sachen angepackt, die jetzt umgesetzt werden:
Das betrifft das Stempeln in den Mittagspausen, die AU-Bescheinigungen, das manuelle Aufschreiben der Arbeitszeiten in den Außenstellen und das Mitnehmen der Urlaubstage in das nächste Jahr. Wir sind eh schon unterbesetzt und bei meinen Mitarbeitern stapeln sich die Akten auf den Tischen. Da kann ich sie noch nicht noch zusätzlich mit antiquierten Methoden knebeln.

BIS: Also hast Du das gelockert?
Christian Hentschel: Genau. Man muss den Leuten auch Vertrauen gegenüber bringen. Das färbt dann ja schließlich auch auf die Stimmung ab. Alle fühlen sich wohler und arbeiten befreiter.

BIS: Gibt es sonst noch was, was Du geändert hast?
Christian Hentschel: Ja.  Ich halte es für wichtig, dass alle wissen, woran wir arbeiten und wie da unser Stand ist. Dazu müssen wir uns austauschen und das Besprochene kommunizieren. Somit habe ich feste Treffen mit meinen Dezernatsleitern vereinbart, in denen wir uns abstimmen und auf den Stand bringen. Mir ist es wichtig, das „dezernatsübergreifend“ die Leiter auch über andere Themen informiert werden, die nicht unbedingt zu ihren Kernthemen gehören. Das gab es vorher nicht.

BIS: Geht das dann noch weiter in die Tiefe?
Christian Hentschel:
Selbstverständlich. Die Dezernatsleiter organisieren dann wiederum regelmäßige Besprechungen mit mit ihren Mitarbeitern*innen. Somit möchte ich sicherstellen, dass alle wissen, woran wir gerade sitzen. Außerdem sollen so auch Ideen und Lösungsvorschläge von den Mitarbeitern kommen. Mir sind ihre Ideen und Anregungen wichtig. Wenn es sich nicht umsetzen lässt ist das ja nicht schlimm. Aber es wäre schade, an einer guten Idee vorbei zu gehen, ohne sie zu berücksichtigen.

BIS: Wo Du gerade Mitarbeiter erwähnst. Ihr sucht ja Mitarbeiter für die Gemeinde. Dafür warst Du persönlich auf einer Jobmesse. Gehört das zu Deinen Pflichten?
Christian Hentschel: Das sehe ich zumindest so. Viele waren überrascht,  mich an einem freien Samstag um 09.00 Uhr auf einem Messestand zu sehen. Aber mal ehrlich: Wo kann ich mir denn bitte schön einen besseren und schnelleren Überblick verschaffen, als auf einer Jobmesse, wo vermeintlich Jobsuchende Gespräche führen möchten. Da bin ich dann auch gerne vor Ort und zeige Flagge.

BIS: Kommen wir mal kurz zur Kita. Unser Ziel war es ja, die Kitagebühren abzuschaffen. Was ist das passiert?
Christian Hentschel:
Naja, das ist so ein wenig vergleichbar zum ÖPNV: Ich bin dran. Bedeutet, ich bin nach wie vor der Meinung, dass Kita zur Bildung gehört und demzufolge kostenfrei sein muss. Das Ministerium sah ursprünglich auch rechtliche Möglichkeiten, dass eine Kommune die Kita kostenfrei stellen kann. Darauf hatte ich mich auch im Wahlkampf berufen. Um ganz sicher zu gehen, habe ich als Bürgemeister mit meiner Verwaltung diese Auffassung nochmals durch eine externe Anwaltskanzlei mit der Fachrichtung Kitarecht überprüfen lassen. Die Expertise hatte hier aber ein anderes Ergebnis. Ein kompletter Verzicht auf die Elterngebühren würde demnach aktuell rechtswidrig sein.  Das ist das Dilemma.

BIS: Wie gehst Du dann vor?
Christian Hentschel: Ich
packe das Schritt für Schritt an. Zunächst versuche ich, den Freibetrag für Nichtzahlende bzw. die Mindestbeitragsgrenze zu erhöhen. Bedeutet, ich möchte die Familien, die weniger verdienen, von den Gebühren befreien bzw. maximal möglich entlasten. Das ist der erst Schritt, der auch schon mal die Familien entlasten wird, die es wirklich schwer haben. Dann geht es in die nächste Instanz. Ihr wisst, ich kämpfe wie ein Löwe für meine Ideen. Allerdings, auch das ist wichtig, bin ich dabei alles in die Wege zu leiten, damit die Gebühren deutlich – und zwar um mehr als die Hälfte – gesenkt werden. Und zwar für alle!

BIS: Wird es dazu dann auch etwas konkretes geben?
Christian Hentschel: Absolut! Das mache ich ja parallel mit meinem Dezernatsleiter. Wir haben uns dazu entschieden, dass wir im April einen Entwurf erlassen, der dann von den Gemeindevertretern spätestens im Mai abgesegnet werden soll. Die neuen Regelungen für die Elternbeiträge sollen rückwirkend ab 01.01.2020 gelten. Der Entwurf sieht eine Rückzahlung zuviel bezahlter Beiträge rückwirkend vom Jahresbeginn vor.

BIS: da werden sich aber einige freuen
Christian Hentschel:
Davon gehe ich aus und freue mich, dass wir das dann auch hoffentlich so schnell umsetzen konnten.

BIS: Also ein klares Einlösen des Wahlversprechens.
Christian Hentschel:
Ja! Ich muss mich natürlich im aktuell gültigen rechtlichen Rahmen bewegen. Aber innerhalb dieses Handlungsspielraumes habe ich alles getan, was möglich ist. Zumal wir die Einnahmen in Zukunft dann auch dafür nehmen wollen, dass wir Qualitätsverbesserungen in den Kita’s durchführen: Leitungsfreistellung, besserer Personalschlüssel, Qualifizierung der Erzieher*innen, verbesserte Sachausstattung, etc.

BIS: Das Thema bezahlbarer Wohnraum war ja auch ein Thema. Wie sieht es denn da aus?
Christian Hentschel:
Da habe ich erste Gespräche mit Investoren und Wohnungsbaugenossenschaften geführt. Wir wollen ja bezahlbaren Wohnraum realisieren, damit Leute überhaupt hier arbeiten können. Was nutzt der beste Arbeitsplatz, wenn ich hier nicht wohnen kann, weil entweder gar keine Wohnungen vorhanden sind, oder aber die Mieten einfach zu hoch sind.
Das nimmt jetzt langsam Konturen an. Wir werden  Grundstücke ins Auge fassen, die wir für diesen Zweck bebauen können und ich bin dabei, Schritt für Schritt alles soweit mit den jeweiligen Dezernaten aufzubereiten, dass wir auch hier bald Entwürfe haben, die wir dann wiederum den Gemeindevertretern vorlegen können. Da bin ich sehr intensiv dran.

BIS: Vielleicht noch kurz zu unseren Senioren. Auch das war ein Wahlkampfthema.
Christian Hentschel:
Genau. Aber nicht nur Senioren, sondern auch Demenzkranke oder behinderte Personen. Ein erster Schritt wird sein, dass wir hier im Rathaus regelmäßige Treffen und Schulungen anbieten wollen, um Menschen, die darunter zu leiden haben, tatkräftig zu unterstützen.

BIS: Wie meinst Du das?
Christian Hentschel:
Naja, Familien, die mit Demenzkranken zu tun haben oder in ihrem Umfeld mit behinderten Personen zusammenkommen, die wollen wir unterstützen. Man meint immer, das gäbe es schon, aber ich habe festgestellt, dass dieses Thema nicht ausreichend behandelt wird. Und wir haben nicht nur die Räumlichkeiten, für solche Treffen, sondern können auch die Personen einladen, deren täglicher Job es ist, Betroffenen Tipps und Anregungen zu geben. Das ist zwar nur eine Minderheit, aber auch um die wollen wir uns kümmern.

BIS: Abschließend nochmal von den Älteren zu den Jüngeren. Wir hatten vor, Bolzplätze und Spielplätze in unseren Kommunen zu bauen. Wie ist da Dein Plan.
Christian Hentschel:
Da bin ich bisher noch nicht so tätig geworden, wie ich es mir gewünscht hätte, steht aber auch auf dem Zettel. Was wir allerdings schon gemacht haben, ist zu schauen, wo wir denn etwas realisieren können.

BIS: Also doch nicht ganz untätig gewesen?
Christian Hentschel:
Nein, natürlich nicht (lacht). Aber da werden wir noch Gas geben, damit auch das richtig angepackt und dann auch umgesetzt werden kann. Zumindest steht schon mal die Bücherzelle in Großziethen. Und die Bustour des Kinder- und Jugendbeirates habe ich unterstützt.

BIS: Christian, vielen dank für deine Zeit und für das Gespräch. Wann sehen wir uns wieder?
Christian Hentschel:
Ich würde sagen Mitte Mai. Da kommt ihr dann aber zu mir ins Rathaus.

BIS: Gerne 😉

Das Interview führten Mandy Möhr und Kai Maschman

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